Vor etwa 10 Jahren habe ich mir meine erste Kamera (Leica R6) gekauft und fotografiere seither regelmässig neben meiner Feldenkrais Arbeit. Ich plane zwei bis vier Mal im Jahr Fotoreisen zu verschiedenen Orten. Ich reiste bisher vor allem in Europa, gelegentlich in Asien oder USA.

Ich bin mit meiner Kamera auf solch einer Reise an verschiedenen Orten täglich viele Stunden zu Fuß unterwegs und fotografiere, was mir begegnet und meine Aufmerksamkeit anzieht. Dabei bin ich immer in Bewegung und folge meinen Augen. Ich lasse mich davon leiten, was ich sehe und das bestimmt oft meinen Weg durch den unbekannten Ort. Manchmal halte ich inne und lasse mir Zeit zu fotografieren. Dann wieder ist es ein spontaner Augenblick, in dem ich etwas entdecke, schnell reagieren und handeln muss, weil im nächsten Moment das Bild nicht mehr existiert.

Der Prozess des Fotografierens fordert in dieser Form eine hohe Wachsamkeit, einen freien Kopf über einem beweglichen Becken, um in jedem Moment präsent und handlungsfähig zu sein.

„Der Kopf trägt alle Doppelorgane des Sinnesapparats, die uns mit der Umgebung verbinden und darum Telerezeptoren, Fernempfänger heißen. …

… Sowohl die Augen als auch die Ohren sind so innerviert, dass der Kopf sich reflektorisch dreht bis die beiden Organe eines Paars gleichermaßen gereizt sind von dem Signal, das von weither ihre Aufmerksamkeit geweckt und auf sich gezogen hat. Insbesondere die Augen bewegen sich zusammen so, dass sich die Bilder des ins Auge gefaßten Objekts, wie sie sich auf der Netzhaut bilden, stets auf die gleiche Weise decken.“ (aus Moshe Feldenkrais: Das Starke Selbst, S250)

Ich habe mir das Fotografieren selbst beigebracht. Zuerst war es notwendig, die Technik der Kamera zu studieren. Da ich mit einer analogen Kamera ohne Automatik arbeite, musste ich lernen, die Kamera zu bedienen wie ein Werkzeug. Es ist wie das Erlernen eines Instruments. Das braucht viel Zeit, Übung und Erfahrung. Letztendlich geht es darum, die Kamera wie eine Verlängerung des eigenen Auges benutzen zu können. Es braucht eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Kamera, der Gebrauch muss verinnerlicht sein, damit die eigene Aufmerksamkeit beim Fotografieren frei ist für den Moment und die Umgebung.

 

„Es liegt im Wesen jeder Kunst, dass, wer sie ausübt, seine Fähigkeiten immerzu verbessert, seine motorischen Fertigkeiten immer mehr differenziert und variiert, bis ins hohe Alter hinein. Er entwickelt sich weiter und nähert sich asymptotisch einer Kunstfertigkeit, wie sie seinen Absichten entsprechen würde. („Die Entdeckung des Selbstverständlichen“, S19)

Allein die Technik eines Instruments zu beherrschen, macht noch keine Musik. Beim Fotografieren bedeutet das, allein die Fähigkeit, eine Kamera zu bedienen produziert noch kein gutes Bild. Nachdem ich gelernt hatte, die Kamera zu bedienen, ging es im Weiteren darum, sehen zu lernen.

 

 

Sehen lernen

Weil man beim Fotografieren Bilder produziert, wird das eigene Sehen sichtbar. Meine Art zu sehen hat sich sehr verändert, seit ich fotografiere. Bei jeder meiner Fotoreisen habe ich mein Sehen immer wieder aufs Neue trainiert und dadurch entdeckt, wie es sich verändern kann. Sehen kann immer nur subjektiv sein, so zeigt sich in den Bildern meine eigene Handschrift. Im Laufe der Zeit wurde mehr und mehr unwichtig, was ich sehe und wichtiger, wie ich sehe.

„ ..das Wie ist das Kennzeichen unserer Individualität, aus ihm erkennen wir unser Vorgehen, den Prozess unseres Tuns, und nicht aus dessen Inhalt oder Ergebnis.“ (Die Entdeckung des Selbstverständlichen, S 20)

Bewegung und Sehen haben eines gemeinsam. Sehen ist wie Bewegung ein sich ständig veränderndes, fließendes Phänomen. Jeder Moment ist neu und somit neu zu entdecken. Es ist spannend, mich selbst immer wieder in einen Zustand zu bringen, in dem ich in dieser Weise „wach“ bin. Das Fotografieren fordert es, und ich übe mich jedes Mal darin, wenn ich es tue.

Ich erlebe seit vielen Jahren, dass sich die Feldenkrais Arbeit und die Fotografie gegenseitig in besonderer Weise befruchten und ergänzen. Lenke ich meine Aufmerksamkeit in der Feldenkrais Arbeit auf mich selbst oder auf andere, richte ich sie in der Fotografie auf meine Umgebung. In beidem entwickle und übe ich meine Fähigkeit wahrzunehmen und in beiden Bereichen findet ein fortlaufender Prozess einer Differenzierung und Verfeinerung statt.

Es ist immer sehr spannend, nach einer intensiven Phase in meiner Feldenkrais Arbeit wieder mit meiner Kamera unterwegs zu sein, meinen Blick nach außen zu wenden, mich durch fremde Orte zu bewegen und darin andere, äußere Bezüge und Weite zu erleben. Fotografieren ist für mich ein kreativer Ausdruck, in dem sich mein ganzes Sein bündelt und gleichzeitig mit der Welt verbindet. Die Fotografie ist für mich ein Mittel der Kommunikation, eine Sprache, in der ich meine Sicht auf die Dinge nach außen transportiere und andere Menschen erreichen kann.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir immer im Blick behalten, dass das größte Potential der Feldenkrais Methode darin liegt, unser eigenes Potential zu entdecken und unser Handeln in der Welt zu verbessern. Es ist für mich persönlich immer die Frage im Raum, was ist meine Begabung, was ist mein innerer Auftrag und wie kann ich meine Absicht darin bestmöglich in die Welt bringen?

Es ist wichtig, die eigene Aufmerksamkeit immer wieder auf sich selbst zu richten und Bewusstheit zu schaffen dafür, wie man sich selbst im eigenen Handeln und Funktionieren leitet. Wenn wir aber diese Art Selbstbeobachtung als reinen Selbstzweck sehen, bleibt vieles hinter seinen Möglichkeiten. Richtig spannend und sinnvoll wird unsere Arbeit dann, wenn wir unsere Begabungen entdecken, sie zum Leben erwecken und in die Welt bringen. Erst dann werden sich für uns neue Möglichkeiten eröffnen und unsere Träume können wahr werden.

Feldenkrais hat in meinem Leben wesentlich dazu beigetragen, dass es mir gelungen ist, meine künstlerischen Talente in eine Form zu bringen. Ich habe nicht nur gelernt, zu lernen, sondern ich habe auch einen Weg gefunden, mein Handeln so zu gestalten, wie es mir selbst gemäß ist.

„Fortschritte begabter Menschen entstehen dadurch, dass sie sich ihrer selbst inne sind, während sie tun. Ihr Talent entspringt der Freiheit, ihre Verfahrensweise zu wählen, ja, man könnte beinahe sagen, dass, was wir Talent nennen, nichts anderes als diese Freiheit ist“ (aus Moshe Feldenkrais: Die Entdeckung des Selbstverständlichen, S 140)

Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel geschrieben, der verdeutlicht, welche Beziehung ich zwischen der Feldenkrais Arbeit und der Fotografie für mich persönlich sehe. Ich möchte diesen Artikel als Abschluss meiner Arbeit hier wiedergeben, weil er die Essenz meiner Gedanken darüber erfasst:

 

Über die Kunst, immer ein Anfänger zu sein

Es ist nicht möglich, eine Bewegung auf die gleiche Art und Weise ein zweites Mal zu tun. Der Rhythmus, das Ausmaß, die Atmung während der Bewegung, so klein der Unterschied auch sein mag, wird immer verschieden sein. Bewegung wäre nicht Bewegung, wäre es anders. Genauso wenig gelingt es, in der Fotografie ein Bild auf die gleiche Art ein zweites Mal festzuhalten. Durch die vergangene Zeit verändert sich das Licht, und weil in allem Bewegung ist, gleicht kein Augenblick dem anderen.

Alles ist in Bewegung zu jeder Zeit und an jedem Ort, in uns und um uns herum. Jede Zelle in uns verändert sich von Tag zu Tag und auch, wenn wir eine Bewegung viele Male wiederholen, ist der begleitende Gedanke, das Gefühl oder die Empfindung anders. Auf diese Weise lernen wir, entwickeln und verändern wir uns und es ist allein unsere Bewusstheit, die bestimmt, ob wir uns dessen gewahr sind oder nicht. Wenn wir es so betrachten, sind wir in jedem Moment unseres Tuns „Anfänger“ in neuer Bedingung und Herausforderung.

In „Bewusstheit durch Bewegung“ üben wir uns darin, „Anfänger“ zu sein. Wir lenken unsere Aufmerksamkeit weg vom „Was wir tun“ hin zum „Wie wir es tun“. Spielerisch erforschen wir unsere Bewegung, als wäre es das erste Mal. In der Fotografie ist es ähnlich. Die Qualität eines Bildes zeigt sich nicht darin, was ich sehe, sondern, wie ich etwas sehe. Die Komposition, der Ausschnitt, die Farbe und das Licht, jedes Detail hat Bedeutung und beeinflusst das Ganze. Gelingt es, die Welt auf diese Art zu betrachten, entstehen Bilder, die selbst das Alltägliche und Gewöhnliche neu zeigen.

Wenn wir nicht davon ausgehen zu wissen, wie etwas sein sollte, wie etwas aussieht oder sich anfühlt, können wir Neues lernen und entdecken. Gelingt es uns, „Anfänger“ zu sein, können wir alles lernen, was wir lernen wollen.

„Wenn euer Geist leer ist, ist er stets für alles bereit; er ist offen für alles. Im Anfänger-Geist gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige. Wenn wir nicht daran denken, etwas zu erreichen, nicht an uns selbst denken, sind wir wahre Anfänger. Dann können wir wirklich etwas lernen. Das ist auch das eigentliche Geheimnis der Künste: Immer ein Anfänger sein.“

Shunryu Suzuki: Zen-Geist, Anfänger-Geist. Unterweisungen in Zen-Meditation, Herder Verlag, Freiburg Basel Wien, 3. Auflage 2012, S. 23.