Funktionale Integration ist für mich immer ein Dialog. Ein nonverbales Kommunizieren durch Bewegen und Bewegt-Werden, durch Berühren und Berührt-Werden, ein Prozess, der entsteht von Moment zu Moment. Je offener ich darin bin mir selbst gegenüber, gegenüber dem Dialog und der Person, mit der dieser Dialog stattfindet, umso weiter wird der Raum, in dem wir uns begegnen können.

Dieser nonverbale Dialog wird beeinflusst von verschiedenen Faktoren. Manche dieser Faktoren kann ich bewusst steuern. Andere Bereiche zeigen sich, weil sie sind, wie sie sind und beeinflussen das Ganze. Manches bleibt im Verborgenen bis die Zeit reif ist, es zu entdecken und in eine Erkundung und Klärung mitaufzunehmen. Alles zusammen bestimmt im ersten Moment der Begegnung den Ausgangspunkt, an dem der Dialog beginnen kann, es beeinflusst und gestaltet die Art des Dialogs, formt den Verlauf und die Richtung, die Dynamik und das Ende des Dialogs. Aus dem Prozess heraus ergeben sich verschiedene Strukturen und Sequenzen innerhalb einer Lektion.

Es zeigt sich, wieviel Zeit und Raum eine erste Orientierung braucht und in welcher Position (in welcher Beziehung zur Schwerkraft) wir Funktion und Bewegung erkunden möchten. Es wird sichtbar, welche funktionale Idee und welche Beziehungen zueinander wir klären könnten, spürbar, wo undifferenzierte Bewegung nach Differenzierung verlangt. Am Ende einer Lektion zeigt sich wieviel Zeit und Aufmerksamkeit die Integration einzelner Lernerfahrungen braucht und wie das Lernen in einer weiteren FI oder einer Serie von FI´s fortgesetzt werden könnte.

Hinter all dem steht das Anliegen der Person, die zu mir kommt und die Fragen: Was möchte sie verbessern? Was ist ihre Absicht und wie kann sie ihre Absicht in eine Handlung übersetzen? Und wie kann ich sie dabei unterstützen, ihre Absicht in die Welt zu bringen?

Die Qualität meiner eigenen Wahrnehmung und Selbstorganisation hat direkten Einfluss auf den Dialog und beeinflusst die Qualität des Unterrichts. Diese Qualitäten zu entwickeln, mir selbst in diesem Sinne immer aufs Neue wach zu begegnen, erlebe ich als fortschreitende Differenzierung und Verfeinerung, seit ich Funktionale Integration unterrichte.

Ich beobachte verschiedene Ebenen, auf denen dieser Dialog stattfindet. Da gibt es die Ebene des Berühren und des Berührt-Werdens, des Bewegen und Bewegt-Werdens. Meine Hände sind offen für Berührung und dem Wahrnehmen verschiedener Qualitäten, indem ich sie von jeder Absicht befreie. Gleichzeitig führen meine Hände und leiten Bewegung an. Dadurch wird unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Bereiche gelenkt. In Bewegung erfragen und erkunden meine Hände die verschiedenen Qualitäten und Richtungen von Bewegung, stellen Bezüge her und klären Beziehungen. Es scheint ein Widerspruch zu sein, aber tatsächlich geschieht es gleichzeitig: das absichtsfreie Spüren und das absichtsvolle Führen.

Es braucht eine sichere Umgebung und eine angenehme Atmosphäre, in der die Person, mit der dieser nonverbale Dialog stattfindet, bereit ist, Berührung und Bewegungsimpulse zu empfangen. Es braucht Sicherheit im Nervensystem, damit Lernen möglich wird. Was jemand braucht, um sich sicher zu fühlen, ist sehr verschieden von Person zu Person. Es braucht Respekt, Einfühlungsvermögen und manchmal Zeit, bis dieses Vertrauen entstehen kann. Besonders in der Arbeit mit Menschen mit traumatischen Erfahrungen kann dieser Aspekt das begleitende Thema mehrerer FI – Stunden sein.

Eine andere Ebene, die Einfluss hat auf diesen Dialog hat, beinhaltet all meine Erfahrungen und mein Wissen über Bewegung, Bewegungsprinzipien, Bewegungsentwicklung und meine Fähigkeit, diese anzuwenden und in meinen Unterricht einfließen zu lassen. Gleichzeitig gibt es in jeder FI neue Entdeckungen und es entstehen daraus neue Fragen, die mir Anlass geben, mein Wissen und mein Forschen stetig zu erweitern. Es ist beides gleichzeitig vorhanden, das Wissen und das „Nichtwissen“, das mir zur Verfügung steht und einen Raum schafft, in dem ich neues entdecken und neues lernen kann. Es scheint mir, dass darin das Geheimnis unserer Arbeit liegt. Es ist der Raum „dazwischen“, der Bewegung, Entwicklung und letztendlich die Freiheit zur Veränderung möglich macht.

Jeff Haller hat es einmal sehr treffend formuliert:

„Between right and left,

 Between thinking and sensing,

 Between sensing and moving,

Between moving and feeling,

 Between feeling and thinking.”

 

 Auch Viktor Frankl hat einst Worte dafür gefunden, die ich besonders gerne mag:

“Between stimulus and response there is a space.

In that space is our power to choose our response.

 In our response lies our growth and our freedom”